Die Olympischen Winterspiele Milano Cortina stehen vor der Tür: vom 6. bis 22. Februar 2026 finden sie in Italien statt. Für Athletinnen und Athleten stellen die Olympischen Spiele den absoluten Höhepunkt ihrer Karriere dar – und zugleich eine außergewöhnliche mentale Herausforderung. Wenn alles auf einen einzigen Wettkampf verdichtet ist, entscheidet nicht nur die körperliche, sondern vor allem auch die psychische Vorbereitung über den Abruf der eigenen Leistungsfähigkeit.
Seit vielen Jahren begleiten Dr. Kai Engbert und Dr. Tom Kossak Spitzenverbände wie den Deutschen Eishockey-Bund, den Deutschen Skiverband, den Deutschen Alpenverein und Snowboard Germany in der mentalen Vorbereitung auf Großereignisse. Im Vorfeld der Olympischen Winterspiele 2026 gibt Dr. Tom Kossak im Interview Einblicke, wie nachhaltige mentale Vorbereitung aussieht, worauf es in der entscheidenden Phase wirklich ankommt – und warum Klarheit, Vertrauen und stabile Routinen den Unterschied machen.
Du betreust eine Vielzahl an Athletinnen, Athleten und Teams in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele. Wann und wie beginnt aus sportpsychologischer Sicht eigentlich die Vorbereitung auf ein solches Großereignis?
„Das ist tatsächlich sehr unterschiedlich und hängt stark von den einzelnen Personen und Teams ab. Mit manchen arbeite ich schon seit vielen Jahren. Bei ihnen ist die mentale Vorbereitung kein separater Olympia-Prozess, sondern etwas, das für jeden Weltcup und jede Saison relevant ist. Olympia ist dann eher ein Höhepunkt innerhalb eines langfristigen Entwicklungsprozesses. Mit anderen Teams, wie zum Beispiel dem Biathlon-Herrenteam, habe ich erst im Sommer letzten Jahres begonnen zu arbeiten. Dort lag der Fokus, in Vorbereitung auf die Spiele, vor allem auf den mentalen Aspekten des Schießprozesses unter Druck.
Mit Snowboard Germany bereiten wir uns seit etwa zwei Jahren gezielt auf dieses Großereignis vor. Da ich das Team auch bei den Olympischen Spielen vor Ort in Livigno unterstützen darf, war es mir besonders wichtig, alle Athletinnen und Athleten gut kennenzulernen. Das Race-Team betreue ich bereits seit einigen Jahren intensiv. Damit ich aber auch für die Freestyler und Bordercrosser vor Ort kein zusätzlicher Störfaktor bin, war es entscheidend, sie schon in der Vorbereitungsphase bei Trainingseinheiten und Wettkämpfen kennenzulernen. Vertrauen, eine persönliche Beziehung und Verständnis für die jeweilige Disziplin sind die Basis einer wirksamen sportpsychologischen Zusammenarbeit – gerade bei einem Ereignis wie Olympia.“
Du unterstützt als Sportpsychologe Nationalmannschaften verschiedenster Disziplinen. Unterscheiden sich die Inhalte der Zusammenarbeit?
„Der größte Unterschied in der Arbeit mit den verschiedenen Verbänden liegt tatsächlich darin, ob ich mit einem Team oder primär mit einzelnen Athletinnen und Athleten arbeite. Bei der Eishockeynationalmannschaft steht das Thema Teambuilding im Mittelpunkt. Dabei geht es nicht nur um das Zusammenspiel auf dem Eis, sondern ganz bewusst auch um den gesamten Staff. Wenn Trainerteam, Betreuer und Spieler als Einheit agieren, bleibt die Stimmung auch bei Rückschlägen stabil, lösungsorientiert und fokussiert.
Interessanterweise gilt dieses Prinzip auch für Individualsportarten. Auch dort entscheidet das Betreuungsteam um den Athleten herum mit darüber, ob jemand zum entscheidenden Zeitpunkt sein volles Potenzial abrufen kann. Bei Individualsportlern und -sportlerinnen geht es aber zusätzlich noch viel stärker darum, den ganz persönlichen optimalen mentalen Startzustand herauszufinden und dann auch eigenständig erzeugen zu können. Wie dieser aussieht, ist extrem unterschiedlich. Der ideale mentale Zustand am Start eines Snowboard-Wettkampfs ist in der Regel ein völlig anderer als beim Schießen im Biathlon. Bei der einen Disziplin geht es eher um körperliche Aktivierung, bei der anderen eher um Beruhigung. Ein bestimmter Sportler muss z. B. vor allem sein Selbstbewusstsein und seinen Kampfgeist pushen, ein anderer vor allem den absoluten Fokus erzeugen und halten. Das sind hochspezifische Prozesse, die man mit jedem Athleten und jeder Athletin individuell erarbeiten muss. Was aber alle Sportarten und Disziplinen verbindet, ist am Ende das gleiche Ziel: Leistung genau dann abrufen zu können, wenn es wirklich zählt.“
Wenn wir speziell auf die Snowboard-Nationalmannschaft schauen: Worin unterscheidet sich die mentale Vorbereitung auf Olympia von einer normalen Weltcupsaison?
„Der größte Unterschied liegt darin, dass Olympische Spiele nur alle vier Jahre stattfinden und für viele Athletinnen und Athleten das größte sportliche Ereignis ihrer Karriere sind. Im Weltcup kannst du über eine ganze Saison hinweg zeigen, was du drauf hast. Bei Olympia verdichtet sich alles auf einen Moment. Dieses Wissen erzeugt automatisch einen anderen mentalen Druck.
Hinzu kommt die massiv gesteigerte Aufmerksamkeit von außen. Medien, Öffentlichkeit, Erwartungen von Verbänden, Familie und Freunden, all das ist deutlich intensiver als in einer normalen Weltcup-Saison. Diese Aufmerksamkeit beeinflusst Athletinnen und Athleten, egal wie erfahren sie sind. Die zentrale Aufgabe in der Vorbereitung besteht deshalb darin, zu lernen, mit dieser Einmaligkeit und der äußeren Aufmerksamkeit umzugehen, ohne den eigenen Fokus zu verlieren. Ziel ist nicht, den Druck komplett zu nehmen oder auszublenden – sondern ihn so zu regulieren, dass die AthletInnen ihren Fokus am Start bewusst wieder auf das lenken, was sie können und trainiert haben.“
Gibt es in der aktuellen Vorbereitung etwas, das ihr bewusst nicht mehr trainiert oder thematisiert, weil es kurz vor Olympia eher schadet als hilft?
„Ja, je näher die Olympischen Spiele rücken, desto wichtiger wird es, nicht mehr alles verändern zu wollen. In dieser Phase geht es weniger darum, neue mentale Techniken einzuführen oder an Schwächen zu arbeiten. Das würde eher verunsichern. Wir vermeiden es zum Beispiel, kurz vor dem Wettkampf noch große inhaltliche Diskussionen über Leistung, Technik oder Erwartungen zu führen. Auch übermäßige Zielgespräche oder Ergebnisfokussierung können in dieser Phase kontraproduktiv sein.
Stattdessen liegt der Fokus darauf, das zu stabilisieren, was bereits funktioniert. Routinen, bewährte mentale Strategien und klare Abläufe geben Sicherheit. Die Athletinnen und Athleten sollen nicht das Gefühl haben, noch etwas „lernen“ oder etwas „Besonderes“ tun zu müssen, sondern darauf vertrauen, dass sie gut vorbereitet sind. Ein wichtiger Punkt ist auch, unnötige Reize von außen zu reduzieren und einen Umgang mit der gesteigerten Aufmerksamkeit zu finden, sei es durch Medien, soziale Netzwerke oder gut gemeinte Ratschläge von Familie und Freunden. Kurz vor Olympia geht es darum, Vertrauen aufzubauen, nicht Druck.“
Was ist aus sportpsychologischer Sicht oft der größte Unterschied zwischen Athletinnen und Athleten, die bei Olympia ihr Potenzial abrufen – und denen, die daran scheitern?
„Athletinnen und Athleten, die bei Olympia ihr Potenzial abrufen können, zeichnen sich vor allem durch eine innere Klarheit aus. Das bedeutet nicht, dass sie entspannt oder frei von Nervosität sind. Im Gegenteil, viele spüren eine sehr hohe körperliche Anspannung. Der entscheidende Unterschied ist, dass diese Anspannung von einem starken Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten begleitet wird. Sie wissen genau, was sie zu tun haben, und müssen in diesem Moment nichts neu erfinden.
Ihnen gelingt es trotz Druck, prozessorientiert zu bleiben. Sie konzentrieren sich auf die Abläufe, die sie im Training und in den Weltcups immer wieder erfolgreich gezeigt haben. Sie denken weniger darüber nach, was am Ende herauskommen muss, und vermeiden es, sich in Ergebniserwartungen oder in der Angst vor Fehlern zu verlieren. Diejenigen, die scheitern, rutschen häufig genau in diese druckfördernde Zielsetzung hinein: „Ich muss jetzt Bestleistung bringen!“. Die Erfolgreichen vertrauen stattdessen darauf, dass der Fokus auf den Prozess die Basis für ein gutes Ergebnis ist.“
Worauf sollten Athletinnen, Athleten und Teams so kurz vor dem Beginn der Olympischen Spiele sonst noch achten?
„Kurz vor Olympia geht es weniger um weitere Leistungsentwicklung, sondern vor allem um Belastungssteuerung und Regeneration. Einige Athletinnen und Athleten lassen bewusst noch einen Weltcup aus, um körperlich und mental frischer zu werden. Andere entscheiden sich ganz gezielt dafür, noch einmal einen Wettkampf zu bestreiten, weil ihnen das hilft, im Rhythmus und im Fokus zu bleiben. Ein wichtiges Thema ist in dieser Phase auch die Gesundheit. Niemand möchte kurz vor Olympia krank werden, deshalb wird insgesamt achtsamer mit Belastungen, Reisen und Regeneration umgegangen.
Aus mentaler Sicht steht wie gesagt vor allem Erholung und Vertrauen im Mittelpunkt. Die Leistung kann in dieser Phase nicht mehr grundlegend verbessert werden. Es geht darum, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu stärken. Olympische Medaillen gewinnt man nicht durch zusätzliches hartes Training in diesen letzten Wochen, – sondern durch innere Klarheit, Regeneration und die Fähigkeit, die eigene Leistung auf den Punkt abrufen zu können, wenn es zählt.“
Was sind deine konkreten Aufgaben als Sportpsychologe bei den Olympischen Spielen mit der Snowboard-Nationalmannschaft?
„Mit AthletInnen und Athleten aus dem Team von Snowboard Germany arbeiten mehrere Sportpsychologinnen und Sportpsychologen zusammen. Bei den Olympischen Spielen wird allerdings immer nur der leitende Sportpsychologe akkreditiert und ist vor Ort mit dabei. Umso wichtiger war es uns, dass ich im Vorfeld alle Athletinnen und Athleten, aber auch Trainer, Physios, Ärzte und den gesamten Staff gut kennenlerne, der das Team in Livigno begleitet.
Im Idealfall habe ich bei Olympia selbst gar nicht mehr viel zu tun, weil wir alle im Vorfeld sehr sauber gearbeitet haben. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass es immer Situationen gibt, in denen sportpsychologische Unterstützung gefragt ist. Klassisch ist zum Beispiel, dass einzelne Athletinnen oder Athleten merken, dass sie deutlich nervöser sind als im Weltcup. Dann geht es darum, kurzfristig zu stabilisieren und den Fokus wieder auf bekannte Abläufe zu lenken. Ein weiteres Thema sind mehrere Wettkämpfe innerhalb kurzer Zeit. Wenn der erste Wettkampf nicht gut läuft, ist es entscheidend, mit der Enttäuschung umzugehen und schnell wieder in einen leistungsfähigen Zustand zu kommen.
Darüber hinaus behalte ich auch die Dynamiken im gesamten Team im Blick. Stimmung, Kommunikation und kleine Spannungen können sich bei Olympia sehr schnell verstärken. Meine Aufgabe ist es, früh zu erkennen, wenn etwas kippt und gemeinsam mit dem Team Lösungen zu finden, damit die Athletinnen und Athleten den bestmöglichen Support erhalten und sich auf ihre Performance konzentrieren können.“
Wenn du einem jungen Snowboard-Athleten einen einzigen mentalen Gedanken für Olympia mitgeben müsstest, welcher wäre das?
Vertraue deinen Fähigkeiten, denn genau die haben dich bis hier her gebracht!