Selbstvertrauen beeinflusst maßgeblich, wie wir mit Herausforderungen, Druck und Unsicherheit umgehen. Es entscheidet darüber, ob wir unsere Fähigkeiten in entscheidenden Momenten abrufen können, handlungsfähig bleiben und Verantwortung übernehmen – im Wettkampf ebenso wie im beruflichen Alltag.
Wir haben mit Psychologin und Profikletterin Lilli Kiesgen über genau dieses Thema gesprochen. Durch ihre doppelte Perspektive als Athletin und Psychologin verbindet sie fundiertes Fachwissen mit eigener praktischer Erfahrung. Im Interview gibt sie spannende Einblicke, was Selbstvertrauen wirklich ausmacht, warum es kein starres Persönlichkeitsmerkmal ist und wie es gezielt entwickelt werden kann.
Was ist Selbstvertrauen?
Unter dem Begriff des Selbstvertrauens tummeln sich viele Konzepte und Begriffe – etwa Selbstwert, Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit oder auch Selbstwirksamkeit. Allgemein wird damit der Glaube oder das Vertrauen, mit den eigenen Fähigkeiten gewünschte Ergebnisse erzielen zu können, gemeint. Für mich ist besonders der Begriff der Selbstwirksamkeit hervorzuheben. Dieser beschreibt die Überzeugung, ein bestimmtes Verhalten mit Hilfe eigener Ressourcen organisieren und ausführen zu können – gerade Situationen die neue, schwierige oder stressreiche Elemente beinhalten.
Was sagt die Psychologie?
In der Psychologie gibt es zahlreiche Theorien zu Selbstvertrauen. Besonders anschaulich finde ich die Selbstwirksamkeitstheorie von Bandura, die von Schunk auf den Leistungssport übertragen wurde, ebenso wie die Attributionstheorie von Weiner oder das Risikowahlmodell von Atkinson. Diese Modelle verdeutlichen, welche Einflussfaktoren auf Selbstvertrauen wirken und liefern gleichzeitig Ansatzpunkte für gezielte Veränderungen. Sehr hilfreich ist aus meiner Sicht auch das Modell von Vealey, dass zwischen einer stabilen, allgemeinen Überzeugung in die eigenen Fähigkeiten (trait-confidence) und einem situationsabhängigen Vertrauen (state-confindence) unterscheidet. Bezogen aufs Bouldern könnte das für mich bedeuten, dass ich grundsätzlich ein hohes Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten habe, also weiß, dass ich eine Weltklasse Athletin bin, in spezifischen Situationen, etwa Boulder die Sprünge abfragen, jedoch dennoch ein geringes Vertrauen in mich und diese konkreten Fähigkeiten erlebe.
Was hat dir im Weltcup geholfen?
Im Weltcup hat mir vor allem geholfen, dass ich sehr genau wusste, wie gut ich im Wettkampf performen kann. Ich war eine physisch schwächere Athletin, das heißt das mir steile und kräftige Boulder nicht wirklich lagen. Dafür konnte ich im Wettkampf besser performen als im Training, alles geben, wirklich 100% an der Wand lassen und bis zum Umfallen kämpfen. Zudem konnte ich Boulder sehr gut lesen, meine verfügbaren Kräfte realistisch einschätzen und meine Strategie während eines Versuches schnell anpassen. Eine meiner größten Stärken war außerdem meine Fähigkeit Platten zu klettern. Insgesamt war ich mir meiner Stärken und Schwächen sehr bewusst und konnte das, was ich kann, im Wettkampf in der Regel zuverlässig an die Wand bringen.
Was sind deine Top 3 Tipps für diejenigen, die an ihrem Selbstvertrauen „arbeiten“ wollen?
Ich glaube, es ist wichtig zu verstehen, dass Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit sehr facettenreich und stark situationsabhängig sein können. Sie sind nicht zwangsläufig etwas, das man entweder hat oder nicht hat.
Ebenso wichtig ist es, sich vor Augen zu führen, wo man bereits steht: was man schon erreicht hat, was man investiert hat und was davon bereits Früchte getragen hat. Dabei hilft es, diese Erfolge bewusst mit den eigenen Fähigkeiten und Anstrengungen zu verknüpfen.
Und zuletzt sollte man sich der eigenen Stärken und Schwächen bewusst werden. Aus den Stärken lässt sich gezielt Selbstwirksamkeit aufbauen, die wiederum Sicherheit und Vertrauen geben kann, insbesondere in schwierigen Situationen oder in solchen, in denen die eigenen Schwächen sehr präsent sind.
Was können Menschen im Beruf davon mitnehmen?
Ich glaube, was im Wettkampf gilt, das gilt auch im Beruf. Selbstvertrauen ist facettenreich und kann je nach Situation variieren. Wichtig ist es, sich der eigenen Stärken und Schwächen bewusst zu werden, an Schwächen zu arbeiten und aus den Stärken Sicherheit zu ziehen. Und wenn etwas nicht gut läuft, kann es auch mal helfen, sich bewusst zu machen welche Faktoren außerhalb der eigenen Kontrolle lagen.
Übungen für ein stärkeres Selbstvertrauen
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