Was machen Sportler, wenn es nicht läuft und warum schwankt die Leistung oft so? Darüber sprach Sportpsychologe Dr. Kai Engbert von Sportpsychologie München mit der Südwest Presse.

In einer Woche gefeierter Weltmeister, zwei Wochen später geht überhaupt nichts mehr. Eine Situation, in der sich gerade die Skispringer befinden. Was tun?

Dr. Kai Engbert: Wir raten immer einen Schritt zurückzugehen und zu überlegen, was zur Leistung überhaupt dazu gehört. Das sind ja mehr Puzzleteile, als die reine körperliche Leistungsfähigkeit. Gerade beim Skispringen ist das ganze System sehr fragil. Auf der einen Schanze läuft es gut, aber der anderen nicht so. Das sind ja immer noch die gleichen Sportler, die sitzen ja nicht plötzlich heulend auf dem Balken. Aber auf Weltniveau machen Kleinigkeiten eben sehr viel aus.

Oft wird das Gefühl zitiert, das nicht stimmt …

Ja, das gehört eben dazu zu diesem Puzzle. Sie haben das Gefühl nicht für diese Schanze und nur zwei, drei Sprünge um das zu bekommen. Das Vertrauen muss man sich immer neu zurückholen. Das gilt genauso für andere Puzzleteile wie das Material, wenn ich weiß, mein Ski läuft, kann ich das im Kopf für mich abhaken und mich auf andere Dinge konzentrieren.

Und was tut man, wenn es nicht passt?

Es ansprechen, sich mit den Technikern zusammensetzen und versuchen eine Lösung zu finden. Es gibt aber auch Umstände, die man nicht ändern kann, etwa wenn es extrem kalt ist. Da muss sich der Sportler im Kopf anpassen und für sich einen Weg finden, wie er damit umgehen kann.

Warum müssen sich Sportler ärgern? Interview mit Dr. Kai Engbert

Wenn man es etwa mit Profi-Fußballern vergleich, sind Biathleten und Skispringer in der Öffentlichkeit extrem selbstkritisch. Kann sich das nicht negativ auswirken?

Vielleicht liegt das auch nur daran, dass die Fußballer medientechnisch ausführlicher geschult werden. Die haben ihre Antwort-Schablonen oder Ausdauersportler sind von sich aus selbstkritischer. Aber das ist nur meine persönliche Annahme, das ist nicht wissenschaftlich belegt. Das Auftreten ist sicher sehr sympathisch, aber sie müssen natürlich aufpassen. Natürlich muss ein Sportler sich ärgern, wenn er seine Leistung nicht bringt. Dann muss er den Ärger aber abhaken, analysieren, was ist gut gelaufen, was nicht. Es muss einen klaren Punkt geben, dass der Wettkampf abgehakt ist und man nach vorne schauen kann.

Dann hilft es, wenn man zusammen Thüringer Rostbratwürste grillt, wie die Biathleten oder ein Frust-Bier trinkt?

Das kann helfen. Es ist eine ziemlich individuelle Sache. Der eine braucht seine Ruhe, die andere will mit dem Freund telefonieren, am Ruhetag mit dem Team zusammensitzen oder mit den Eltern essen gehen. Aber vieles geht zurzeit ja auch nicht.

Die Corona-Situation belastet die Sportler…

Ja. Die Veranstalter tun echt viel, damit die Wettkämpfe stattfinden können. Doch die Sportler sitzen natürlich in ihrer Bubble und haben wenig Chancen auszubrechen. Oder auch die Abfahrer jetzt. Die gewinnen Medaillen in Cortina und bekommen nicht den Applaus, den Lohn, der einen über die harten, trögen Trainingseinheiten hinweg hilft. Trotzdem sind alle diese Sportler extrem froh, dass sie ihre Wettkämpfe haben. Sie wissen, dass sie priveligiert sind. Der Nachwuchs und noch mehr die Breitensportler haben da ganz andere Probleme. Die Auswirkungen werden wir erst in den nächsten Jahren merken. Da werden Generationen wegbrechen. Schon für uns Erwachsene ist ein Jahr sehr viel, aber für einen 15-Jährigen hat das noch andere Effekte. Für den ist Sport vielleicht plötzlich gar nicht mehr wichtig.

Was raten Sie jungen Leistungssportlern, die zwar trainieren dürfen, aber kaum Wettkämpfe haben und Angst haben, wie es jetzt weitergeht?

Da sind die Trainer gefordert. Wenn die Trainer selbst genervt und gefrustet sind, geben sie das weiter und schon ist man in einer negativen Spirale. Sie müssen den Sportlern andere Ziele vermitteln, dass sie daraufhin trainieren, besondere Fähigkeiten in dieser Zeit zu erlernen und den Wettkampf aus dem Kopf bekommen. Gerade 16- bis 18-Jährige müssen jetzt in dieser Zeit besonders schnell erwachsen werden.

Demnächst beginnt die nordische Ski-WM in Oberstdorf. Eine Heim-WM, auf die manche seit Jahren hin fiebern. Lust oder Last für die Sportler?

Das ist ja immer die Frage. Wären Zuschauer dabei, würde sich die Frage aus meiner Sicht sowieso nicht stellen. Dann ist es auf jeden Fall ein Vorteil. Das ist jetzt weg. Trotzdem sehe ich einen Heimvorteil. Aber es kommt natürlich darauf an, wie man die großen Erwartungen mit Vorleistungen unterfüttern kann. Nimmt man die Kombinierer, so können die mit breiter Brust in die WM gehen. Die Skispringerinnen auf der anderen Seite, sind die Mädels noch nicht da, wo sie sein sollen. Da ist jetzt das Team gefragt.

Breite Brust ist das richtige Stichwort für die Alpinen, die in den vergangenen Jahren viel gescholten wurden und plötzlich bei der WM eine Medaille nach der anderen holen…?

Das ist eine ganz spannende Entwicklung, die die Abfahrer da hingelegt haben. Das zeigt, wie wichtig es für Sportler ist, dass jemand an sie glaubt, auch in der Zeit, in der es weniger Erfolg gibt. Plötzlich kommt das ja nicht. Andi Sander war schon die ganze Zeit gut.

Ist das allein eine Frage des Kopfes?

Nein. Da sind wir wieder bei den Puzzleteilen, der Kopf ist nur eins davon. Es muss halt einfach alles zusammenpassen. Das Können muss da sein, dazu die Tagesform, das Material, das Wetter, man braucht das nötige Glück, wie bei Romed Baumann. Wenn der in Cortina die Startnummer eins hat, gewinnt er nichts.

Baumann haben die Österreicher damals unterstellt, dass er nicht mehr genug Risiko nimmt für einen Abfahrer…

Ja, wenn er 15 Jahre jünger gewesen wäre und riskobereiter, wäre er da reingestochen und dann neben der Piste gestanden wie viele andere. Manchmal hilft es halt doch, wenn man so einen alten Haudegen im Team hat.

Und Andi Sander. Bei dem hat es noch nie zum Podest gereicht und jetzt wäre er fast noch Weltmeister geworden…

Ja, das sieht jetzt nach außen so aus, dass alles nur ein mentales Problem war. Genauso wie bei den Biathleten, die gerade nichts treffen. Aber oft sind es Kleinigkeiten, die an einem Tag gehen und am anderen nicht. Die Weltspitze ist so eng zusammen, es gibt höchstens mal einzelne Ausnahmeathleten wie Riiber in der Kombination, der sich über längere Zeit an der Spitze festsetzt. Da gibt es keinen FC Bayern. Sonst wäre es ja auch langweilig.

Hier der Originalartikel